Diesen Appell hat Claus Müller v.d. Grün (Peace Chair 2026/27) im Interview mit Matthias Adler (Chair Werte und Gesellschaft 2026/27) auf dem Pels im März 2026 an die Präsidentinnen und Präsidenten des rotarischen Jahres 26/27 gerichtet.
Matthias Adler: Claus, Du übernimmst im kommenden Jahr den Peace Chair. Was ist Dein Ziel?
Claus Müller v.d. Grün: Ich wünsche mir, dass möglichst viele von uns sich mit dem Thema Frieden in all seinen Dimensionen befassen, so dass wir hier im Distrikt uns selbst für das Thema sensibilisieren und dass ein Netzwerk entsteht, das die Friedensarbeit von Rotary in einem längeren Prozess im Distrikt, aber auch in Deutschland stärkt.
Matthias Adler: Warum setzt Du dieses Ziel?
Claus Müller v.d. Grün: Erstens: Weil „Peace“ ein zentrales Thema von Rotary ist. Und „Peace“ können wir hier sehr weit fassen. Für mich gehört zum Beispiel auch die Freiheit dazu. Denn kann es Frieden ohne Freiheit geben? Und zum Frieden gehören auch die vielfältigen Bedingungen, die nötig sind, damit sich Frieden entfalten kann. Bei Rotary spricht man von positivem Frieden in Abgrenzung zum negativen Frieden, mit dem allein die Abwesenheit von unmittelbarer Gewalt gemeint ist.
Zweitens: Weil Frieden in all seinen Dimensionen in Deutschland bisher so selbstverständlich war wie die Luft zu Atmen. Wir haben dem Thema nicht solche Aufmerksamkeit geschenkt, wie Menschen in anderen Teilen der Welt – auch bei Rotary nicht. Nun dämmert es uns, dass der äußere Friede, aber auch der innere keine Selbstverständlichkeiten sind.
Wenn wir aber Frieden wollen, müssen wir wissen, was Frieden bedeutet und welche Bedingungen es braucht, damit Frieden entstehen und bleiben kann.
Matthias Adler: Wie willst Du das Ziel erreichen, dass wir uns für Frieden sensibilisieren?
Claus Müller v.d. Grün: Indem wir darüber reden in unseren Clubs, in unseren Meetings oder auf Spaziergängen mit Freundinnen und Freunden. Ganz niedrigschwellig. Ich bin mir vollkommen sicher, dass wir das können.
Wenn wir Frieden definieren als Abwesenheit von Krieg, dann reden wir über Sicherheits- und Außenpolitik, über Verteidigungsbereitschaft, Vertrauensbildung und Diplomatie.
Wenn wir aber Frieden als weit mehr verstehen als die Abwesenheit von Krieg, dann reden wir über Bedingungen, die wir schaffen müssen, damit das Leben in unser aller Alltag friedlich bleibt. Damit wir das Entstehen von Konflikten verhindern und Spannungen abbauen, bevor sie sich in Gewalt entladen. Das Thema können wir ganz konkret angehen: „Peace“ in der U-Bahn. „Peace“ in der Schule, auf der Autobahn, im Wald, nachts in der Notaufnahme eines Klinikums, Frieden in der Gesellschaft, in der Kommune, in der Familie, im Fußball... Die Reihe ließe sich locker fortsetzen. Wie schätzt die Polizei professionell Gefahren ein und wie deeskaliert sie? Es kann aber auch um Frieden, um psychische Resilienz im hybriden Krieg anderer Mächte gegen die freiheitliche Ordnung gehen.
Wir können aus Sicht der Hirnforschung, der Neurologie und der Endokrinologie fragen, was Bedingungen für Friedfertigkeit und für Gewaltbereitschaft sind.
Und selbstverständlich können wir das Thema von ganz weit oben her angehen: Theologisch, spirituell, philosophisch, kulturwissenschaftlich.
Matthias Adler: Das klingt aber herausfordernd....
Claus Müller v.d. Grün: ... das ist es auch, aber die Hürde können wir in allen Clubs nehmen, wenn wir es wollen. Ich bin mir sicher, dass wir in jedem Club genug Expertise haben, um nur eine noch so kleine Facette des Themas „Frieden und seine Bedingungen“ einmal im Jahr aufzugreifen sowie uns die Bedeutung des Themas und all seine Dimensionen tiefergehend vor Augen zu führen. Wenn dann am Ende des Jahres eine kleine Sammlung von Essays oder Tondokumenten zum Thema vorliegen sollte, oder wenn wir auch nur drei, vier, fünf oder sechs Freundinnen und Freunde gewonnen haben werden, die zum Thema Peace mit einem Vortrag per Video-Call oder persönlich auf Reisen gehen, oder einmal zu einem überregionalen Meeting für den ganzen Distrikt mit Vorträgen und Diskussion zusammenkommen, dann wäre das schon ein großer Erfolg. Und mit all diesen wertvollen Beiträgen zum Thema Peace, die noch unerkannt in uns allen schlummern, können wir uns natürlich perfekt und Frieden stiftend gegenüber der Gesellschaft und gegenüber potentiellen jüngeren Freundinnen und Freunden öffnen.