Über Dekaden lebten wir in Freiheit und Frieden. Doch nun scheint unsere Sicherheit fragil. Claus Peter Müller v.d. Grün, Peace Chair im Distrikt 1820, spricht darüber mit rotarischen Freundinnen und Freunden, die gerne mit den Clubs kooperieren.
Liebe Milena, was ist für uns als freie Gesellschaft, die in Frieden leben möchte, akut gefährlicher: Russlands Raketen oder Russlands Desinformation, die auf uns als Gesellschaft und als Individuen zielt?
Russlands Raketen sind die unmittelbarere physische Bedrohung, gerade weil Deutschland seine integrierte Luft- und Raketenabwehr nach jahrzehntelangen Fähigkeitslücken erst wieder umfassend aufbaut. Desinformation greift dagegen etwas anderes an: unsere Wahrnehmungs-, Urteils- und politische Handlungsfähigkeit.
Moderne Verteidigung muss deshalb systemisch gedacht werden. Dazu gehört neben militärischer Verteidigungsfähigkeit auch Resilienz in der Informationsdomäne. Raketen können Menschen töten und Infrastruktur zerstören. Desinformation kann dazu beitragen, dass eine Gesellschaft sich nicht mehr darüber verständigen kann, ob eine Bedrohung überhaupt existiert und wie sie darauf reagieren soll.
Deshalb halte ich die Gegenüberstellung letztlich für irreführend: Wir müssen gegen beides resilient sein.
Bevor wir auf die Desinformation genauer eingehen, ordne sie doch bitte ein als Teil der hybriden Kriegsführung. Was ist ein hybrider Krieg?
Für hybride Kriegsführung gibt es keine vollkommen einheitliche Definition. Im Kern bezeichnet sie aber die koordinierte Verbindung unterschiedlicher militärischer und nichtmilitärischer Instrumente, mit denen ein Akteur politische oder strategische Ziele verfolgt. Dazu können konventionelle militärische Gewalt, Cyberangriffe und Sabotage ebenso gehören wie wirtschaftlicher Druck, geheimdienstliche Operationen, politische Einflussnahme und eben Desinformation.
Das Entscheidende ist für mich dabei nicht die möglichst lange Liste einzelner Instrumente, sondern deren Integration und die damit erzielte Wirkung. Ein Cyberangriff, eine Desinformationskampagne oder wirtschaftlicher Druck sind für sich genommen noch kein hybrider Krieg. Sie werden strategisch besonders relevant, wenn unterschiedliche Mittel aufeinander abgestimmt werden, um Schwachstellen eines Gegners auszunutzen, seine Entscheidungsfähigkeit einzuschränken oder bestimmte politische Reaktionen zu erzeugen.
Ein weiteres Kennzeichen ist die bewusste Nutzung von Grauzonen. Hybride Akteure können versuchen, unterhalb der Schwelle eines offenen bewaffneten Konflikts zu bleiben, Verantwortlichkeiten zu verschleiern oder Unsicherheit darüber zu erzeugen, ob überhaupt ein Angriff stattfindet und wer dahintersteht. Genau hier kann Desinformation eine besondere Wirkung entfalten: Sie muss nicht unmittelbar etwas zerstören. Sie kann Vertrauen untergraben, gesellschaftliche Konflikte verstärken, Entscheidungen erschweren oder die Wahrnehmung anderer Maßnahmen beeinflussen.
Gleichzeitig würde ich davor warnen, den Begriff zu weit zu fassen. Nicht jede Desinformation, jeder Cyberangriff und jede politische Einflussnahme ist automatisch hybride Kriegsführung. Sonst wird irgendwann nahezu jede Form internationaler Konkurrenz zum „hybriden Krieg“ und der Begriff verliert seine analytische Aussagekraft. Entscheidend bleiben Akteur, Absicht, strategischer Zusammenhang und die Kombination der eingesetzten Mittel.
Ist der hybride Krieg eine Erfindung der Gegenwart, der Epoche von Cyberspace und social media?
Nein. Hybride Kriegsführung ist keine Erfindung von Cyberspace und sozialen Medien. Neu sind vor allem die technischen Möglichkeiten, das Tempo und die Reichweite. Das Grundprinzip, militärische Gewalt mit politischen, wirtschaftlichen, geheimdienstlichen und informationellen Mitteln zu verbinden, ist sehr viel älter.
Der Erste Weltkrieg ist dafür ein besonders anschauliches Beispiel. Militärische Operationen wurden mit Wirtschaftsblockaden, Propaganda, Sabotage, Geheimdienstoperationen und Versuchen politischer Destabilisierung verbunden. Deutschland versuchte etwa, nationalistische und revolutionäre Bewegungen in den Reichen seiner Gegner zu fördern und bestehende gesellschaftliche Konflikte auszunutzen. Die Entente wiederum setzte unter anderem wirtschaftliche Blockade und Propaganda gegen Deutschland ein. Deutschland hat die hybride Kriegsführung also nicht „erfunden“. Der Erste Weltkrieg zeigt aber sehr deutlich, wie unterschiedliche militärische und nichtmilitärische Instrumente bereits damals miteinander kombiniert wurden.
Cyberspace und soziale Medien haben dieses Prinzip nicht geschaffen, sondern seine Skalierbarkeit fundamental verändert. Informationen können heute nahezu in Echtzeit weltweit verbreitet, bestimmte Zielgruppen gezielt angesprochen und bestehende gesellschaftliche Konflikte mit relativ geringem Aufwand verstärkt werden. Technologie wirkt dabei vor allem als Verstärker.
Kurz gesagt: Der Begriff ist neu, das Prinzip ist alt. Neu sind Geschwindigkeit, Reichweite, Präzision und Skalierbarkeit.
Was müssen wir uns nun unter Desinformation vorstellen?
Unter Desinformation verstehen wir bewusst falsche, verfälschte oder aus dem Zusammenhang gerissene Informationen, die gezielt verbreitet werden, um Wahrnehmungen, Einstellungen oder Entscheidungen zu beeinflussen.
Entscheidend ist dabei die Absicht: Nicht jede falsche Information ist Desinformation. Ein Irrtum oder eine versehentlich weitergegebene Falschmeldung wird erst dann zur Desinformation, wenn Täuschung gezielt als Mittel eingesetzt wird.
Hast Du ein konkretes Beispiel für Desinformation?
Ein gutes Beispiel dafür gab es im April 2024: In sozialen Medien verbreiteten sich echte Aufnahmen einer großen Menschenmenge an der Al-Aqsa-Moschee in Jerusalem mit der Behauptung, Palästinenser würden dort den iranischen Raketen- und Drohnenangriff auf Israel feiern. Tatsächlich waren die Aufnahmen bereits am 5. April, während des Ramadan und damit mehr als eine Woche vor dem iranischen Angriff am 13. April, entstanden. Mehrere unabhängige Faktenchecks konnten dies anhand früherer Veröffentlichungen des Videos nachvollziehen.
Dabei muss Desinformation keineswegs frei erfunden sein. Die Bilder waren echt, aber die Geschichte, die mit ihnen erzählt wurde, war falsch. Besonders überzeugend kann gerade diese Verbindung von authentischem Material und falschem Kontext sein: Wir sehen etwas Echtes und sind deshalb eher geneigt, auch die dazugehörige Behauptung für glaubwürdig zu halten.
Worauf zielt Desinformation?
Im Kontext hybrider Kriegsführung geht es bei Desinformation nicht nur darum, Menschen eine einzelne Unwahrheit glauben zu lassen. Das eigentliche Ziel ist, Wahrnehmungen zu verändern und dadurch Einstellungen, Entscheidungen und letztlich Verhalten zu beeinflussen. Dabei muss Desinformation uns nicht einmal von einer bestimmten Gegenerzählung überzeugen. Es kann bereits genügen, Zweifel zu säen, Vertrauen in Institutionen und Medien zu untergraben, bestehende gesellschaftliche Konflikte zu verstärken und gemeinsame Entscheidungsfindung zu erschweren.
Kann Desinformation auch in sich vollkommen widersprüchlich erscheinende Ziele verfolgen, etwa die Stärkung rivalisierender extremistischer Gruppen am rechten und linken Rand des politischen Spektrums?
Ja, absolut. Das ist sogar eine bekannte Strategie von Desinformationskampagnen. Die einzelnen Botschaften müssen nicht miteinander übereinstimmen, solange sie auf denselben strategischen Effekt einzahlen. So können gleichzeitig Narrative am äußersten rechten und am äußersten linken Rand verstärkt werden, obwohl sie sich inhaltlich vollkommen widersprechen.
Das Ziel besteht dann nicht darin, die Gesellschaft von einer bestimmten politischen Position zu überzeugen, sondern bestehende Konfliktlinien zu vertiefen, Polarisierung zu fördern und das Vertrauen in demokratische Institutionen ebenso wie das gesellschaftliche Vertrauen untereinander zu schwächen. Unterschiedliche Gruppen können mit völlig unterschiedlichen, sogar gegensätzlichen Botschaften angesprochen werden und dennoch zum gleichen Ergebnis beitragen.
Was löst die Desinformation in uns aus?
Desinformation wirkt besonders gut, wenn sie starke Emotionen auslöst und dadurch unsere kritische Prüfung der Information beeinflusst.
Besonders wirksam ist Desinformation deshalb häufig dort, wo sie an etwas anknüpft, das bereits in uns vorhanden ist: an Ängste, Vorurteile, Misstrauen oder bestehende Überzeugungen. Was unser eigenes Weltbild bestätigt, prüfen wir oft weniger kritisch als das, was ihm widerspricht.
Die gefährlichste Desinformation ist deshalb nicht unbedingt die offensichtlichste Lüge. Es kann gerade die Geschichte sein, die so gut zu unserem eigenen Weltbild passt, dass wir möchten, dass sie wahr ist. Genau in diesem Moment sollten wir besonders kritisch werden und uns fragen: Warum löst diese Information gerade eine so starke Reaktion in mir aus?
Wie kann ich mich vor Desinformation schützen? Mit Hilfe des Verstands, also durch Wissen, Recherche und Aufklärung, oder mit Hilfe der Psyche?
Beides. Der Schutz vor Desinformation erfordert Medienkompetenz und Selbstreflexion. Wir müssen Quellen prüfen, Informationen einordnen und unterschiedliche Quellen vergleichen. Gleichzeitig sollten wir uns unserer eigenen Vorurteile und emotionalen Reaktionen bewusst sein. Kritisches Denken bedeutet deshalb auch, das eigene Denken kritisch zu hinterfragen.
Was empfiehlst Du jeder einzelnen und jedem einzelnen konkret zu tun, um sich vor Desinformation rational und mental zu schützen?
Ich würde zunächst an unsere staatsbürgerliche Verantwortung erinnern. In einer Demokratie legitimieren wir als Bürgerinnen und Bürger durch Wahlen diejenigen, die politische Entscheidungen in unserem Namen treffen. Diese Verantwortung können wir nur wahrnehmen, wenn wir uns informieren, unterschiedliche Quellen nutzen und bereit sind, auch die eigenen Überzeugungen kritisch zu hinterfragen.
Ein informierter Bürger zu sein ist in einer Demokratie nicht nur ein Recht, sondern auch eine Verantwortung. Dazu gehört auch ein kritischer Umgang mit etablierten Medien.
Gerade der öffentlich rechtliche Rundfunk, den wir über den Rundfunkbeitrag finanzieren, hat einen besonderen Auftrag zu sachlicher, ausgewogener und unabhängiger Information. Auch dort sollten wir Berichterstattung nicht unkritisch übernehmen. Das gilt ebenso für private Medien und erst recht für soziale Medien. Wo Information zugespitzt oder emotionalisiert vermittelt wird, sollten wir besonders darauf achten, zwischen Nachricht, Einordnung und Meinung zu unterscheiden.
Warum ist Dein Thema ein Thema für Rotary?
Rotary steht für Frieden, Verständigung und verantwortliches gesellschaftliches Handeln. Desinformation greift genau dort an: Sie kann Vertrauen untergraben, gesellschaftliche Konflikte verschärfen und Menschen gegeneinander aufbringen.
Gleichzeitig bringt Rotary Menschen mit unterschiedlichen beruflichen, kulturellen und politischen Perspektiven zusammen und schafft einen Raum, in dem wir miteinander im Gespräch bleiben können. Gerade diese Fähigkeit, unterschiedliche Positionen auszuhalten, kritisch zu diskutieren und trotzdem miteinander verbunden zu bleiben, ist ein wichtiger Teil gesellschaftlicher Resilienz.
Deshalb ist der verantwortungsvolle Umgang mit Information für mich auch ein Beitrag zur Friedensarbeit.
Welchen Beitrag kannst Du in den Clubs und im Distrikt leisten, um den Frieden durch Aufklärung zu stärken? Kann man Dich zum Beispiel als Rednerin oder Diskussionsgast buchen?
Ich möchte vor allem daran erinnern, wie wichtig Diplomatie und Gesprächsfähigkeit gerade in einer Welt sind, in der Krieg zunehmend wieder als Mittel der Politik erscheint. Gleichzeitig dürfen wir uns gerade in Deutschland nicht davor scheuen, Krieg als politisches und militärisches Phänomen zu verstehen. Wer Frieden erhalten will, muss auch verstehen, wie Kriege entstehen, wie sie geführt werden und wie man ihnen glaubwürdig begegnen kann.
Der sicherheitspolitische Weckruf kam für Deutschland sehr spät. Aber es ist nicht zu spät, daraus Konsequenzen zu ziehen. Dazu gehören für mich militärische Verteidigungsfähigkeit und glaubwürdige Abschreckung ebenso wie Diplomatie und die Fähigkeit, miteinander im Gespräch zu bleiben. Dabei sollten wir auch die Innere Führung wieder stärker als das verstehen, was sie im Kern sein soll: eine Führungsphilosophie, die selbstständiges Denken, Verantwortungsbewusstsein und Urteilsfähigkeit fördert. Gerade unter den Bedingungen hybrider Bedrohungen sind diese Fähigkeiten von besonderer Bedeutung.
Ich möchte außerdem zu einem besseren Verständnis der Informationsdomäne beitragen. Konflikte werden nicht nur mit Waffen ausgetragen, sondern auch über Wahrnehmung, Information und gesellschaftliche Entscheidungsfähigkeit. Gerade deshalb müssen wir lernen, diese unterschiedlichen Instrumente und ihre Wirkung im Zusammenhang zu verstehen.
Wenn ich dazu als Rednerin oder Diskussionspartnerin in den Clubs und im Distrikt einen Beitrag leisten kann, mache ich das sehr gerne.
Das Gespräch führte Claus Peter Müller v.d. Grün, Peace Chair im Distrikt 1820.